Warum endloses "Swipen" süchtig machen kann
Wer kennt es nicht: Kurz mal in die Youtube-Shorts geschaut, oder auf Instagram was gecheckt, schon ist eine Stunde vorbei. Woran es liegt, dass man beim “Swipen” - dem endlosen Weiterwischen von Nachrichten, Videos, Posts in Social Media Apps - so schnell die Zeit vergisst, darum geht es in diesem Post.
Positive und negative Verstärkung
Der Algorithmus in Apps, die Benutzer mit schnellen, kurzen Einträgen zu fesseln versuchen, beruhen auf dem Begriff Verstärkung aus der Verhaltensbiologie und Psychologie. Der US-amerkikanische Pychologe B.F. Skinner versuchte das Verhalten eines Menschen mit der Umgebung oder den ihn umgebenden Reizen zu erklären. Durch Experimente kommt Skinner zu dem Schluss, dass ein Reiz eine Reaktion in einer Person auslöst. Die Reaktion kann mit positiven (Belohnung) oder negativen Verstärkern (Bestrafung) “konditioniert”, also verstärkt oder gehemmt werden. Einfacher ausgedrückt: Eine Person wird ein Verhalten wiederholen, für das sie belohnt wird, und wird ein Verhalten seltener zeigen, für das sie bestraft wird.
Aber was hat das nun mit TikTok & Co. zu tun?
Skinner hat festgestellt, dass kontinuierliche positive Verstärkung ein Verhalten abflauen lassen, wenn die positive Verstärkung aufhört: Wer immer gelobt wird, nimmt das Lob irgendwann nicht mehr ernst. Dasselbe gilt für negative Verstärkung: Wer nie gelobt oder immer bestraft wird, stumpft ab und strengt sich gar nicht mehr an.
Den Bogen zu Smartphone-Apps spannt die sogenannte intermittierende Verstärkung, die beschreibt, dass die nicht regelmäßige Verstärkung eines erwünschten Verhaltens dazu führt, dass das Verhalten häufiger gezeigt wird. Wenn ein Kind zum Beispiel beim Helfen in Haushalt nur ab und zu Schokolade bekommt, wird es das Verhalten - Helfen im Haushalt - häufiger zeigen.
Und das machen sich die Apps zu Nutze. Beim Swipen durch Videos oder Beiträge weiß der Betreiber der App ganz genau, bei welchen Videos und welchen Beiträgen der Benutzer länger verweilt, diese also potenziell stärker seinem Interesse entsprechen. Nach zwei Stunden App-Nutzung wissen TikTok und Konsorten genau, was dem Nutzer gefällt. Man könnte meinen, dass nun nur noch Videos ausgespielt werden, die die Interessen des Benutzers voll ensprechen, aber nein: Nur jedes vierte bis siebte Video ist eines, das genau den Interessen entspricht.
Dieses zeitweilig aussetzende - intermittierende - Ausspielen der interessanten Videos führt dazu, dass bei jedem “Treffer” Dopamin im Gehirn ausgestoßen wird, was einer Belohnung - einer positiven Verstärkung - entspricht, die man sofort gleich nochmal haben möchte. Nur folgen auf ein Top-Video ein paar uninteressante Videos, die einfach weiter geswipt werden - bis zum nächsten Treffer. Dopaminausstoß, Belohnung, Glücksgefühl, usw. usw.
Intensivnutzung verschlechtert den psychischen Gesundheitszustand
Die “TikTok Addiction Study” der Tianjin Normal University hat den Zusammenhang zwischen der Nutzung von Kurzvideo-Apps und psychosozialen Faktoren bei 1.346 Jugendlichen im Durchschnittsalter von ca. 15 Jahren ermittlet. Unter den Teilnehmern waren 199 Nichtnutzer und 1.146 Nutzer (686 moderate Nutzer, 461 süchtige Nutzer). Süchtige Nutzer wiesen einen schlechteren psychischen Gesundheitszustand auf als Nichtnutzer und moderate Nutzer.
Süchtige Nutzer leiden häufiger an Depressionen, Angstzuständen, Stress, Einsamkeit, sozialer Angst, Aufmerksamkeitsproblemen sowie eine geringere Lebenszufriedenheit und Schlafqualität. Sie hatten häufiger schulischen Stress, schlechtere schulische Leistungen und schlechtere Beziehung zu ihren Eltern, wurden häufiger negativ erzogen und hatten ein niedrigeres Bildungsniveau der Eltern.
Moderate Nutzer hatten ein anderes familiäres Umfeld als Nichtnutzer, aber keine Unterschiede in Bezug auf psychische Gesundheit oder schulische Leistungen.
Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass süchtige Nutzer in Bezug auf psychische Gesundheit, familiäre und schulische Bedingungen eine ungünstigere Situation erleben, während Nichtnutzer ein vorteilhaftes familiäres Umfeld haben.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass moderate Nutzung möglicherweise nicht mit einer negativen psychischen Gesundheit oder schlechten schulischen Leistungen verbunden ist. Häufige Nutzung kann jedoch schädlich sein und sollte einer genauen Beobachtung und Intervention unterliegen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37167877/
Was kann ich nun tun?
Am besten wäre es, solche Apps gar nicht zu benutzen. Wer es dennoch nicht lassen kann, sollte sich bewusst Zeit dafür einräumen: Wecker stellen, Bildschirmzeit aktivieren, etc. Stundenlanges Swipen kann dazu führen, dass die eigentlich wichtigen Dinge und Vorhaben vernachlässigt werden. Wäre doch schade, wenn die Träume und Pläne wegen übermäßigem Kurzvideo-Konsum nicht verwirklicht werden könnten.